Retrocomputing als Hobby
Bei mir hat sich in den letzten Jahren ein ansehnliches Sammelsurium verschiedenster Rechner, vor allem Laptops, sowie ein ganzer Berg an Festplatten, Wlan-Karten, Netzwerkkarten und sonstiger Hardware angesammelt; eben alles was man immer mal so braucht :-) . Wenn ich allerdings gefragt wurde, was ich mit all dem "alten" Krempel will, musste ich bisher immer arg ausschweifend werden. Es fehlte mir immer ein einschlägiger Begriff für das was ich tue. Bis neulich. Eher durch Zufall fand ich einen Begriff, der mir sehr passend erscheint: Retrocomputing.
Die deutschsprachige Wikipedia sagt da folgendes zu:
"Retrocomputing (von lat. retro = rückwärts und Computer) ist das
bewusste Nutzen veralteter Computer-Technologie als Hobby, zur Nutzung
älterer Computerspiele
(Retrospiele), zur Datensicherung (indem die Inhalte alter Datenträger
auf moderneren Medien gesichert werden) und zur Sicherung des Wissens
über alte Technik und Software."
Das trifft es schon ziemlich genau (die englischsprachige Wikipedia ist da noch einmal genauer und listet sogar eine ganze Reihe an "Klassikern" auf.), aber weil sich da die meisten immer noch nicht so richtig etwas drunter vorzustellen vermögen habe ich mal selber überlegt, was mich daran eigentlich begeistert:
1. Kostenfaktor:
Ganz klar, alte Computer kosten nicht viel und Ersatzteile sind
vergleichsweise billig. Zumindest was momentan die Hardware der späten
90er Jahre betrifft. Ältere Hardware
ist da schon schwieriger zu bekommen und wenn, dann mitunter auch
(leider) nicht gerade billig. Für die richtigen Klassiker zahlt man
bereits heute ein Vermögen.
2. Spielwiese:
Beim Übertakten ein wenig zu viel Spannung auf den Prozessor gegeben und nun ist er geschmolzen? Gut, dass das nicht der neue 8-Kern-Server-Prozessor war. Soll heißen: wenn ich mal einen Fehler mache und die Hardware kaputt geht (wobei man sich da schon ziemlich anstrengen muss), dann ist das nicht gleich der Weltuntergang und ein Ersatzgerät ist (momentan) schnell beschafft.
3. Experimentieren:
Nichts ist ärgerlicher, als ein Produktivsystem, dass nicht mehr booten will, nur weil man wieder einmal zu leichtsinnig in den Config-Files herumgeschraubt hat. Meistens führt dann kein Weg an einer Neuinstallation - mit allem was dazugehört - vorbei. Umso besser, wenn man einen separaten Rechner zum Herumspielen hat. Da stört es auch (meistens) nicht, wenn man mal was Dummes tut und sein System zerschießt :-)
4. Minimalismus:
Da könnte man jetzt eine ganze Philosophie 'drüber entwickeln, aber um es kurz zu machen ich verstehe darunter folgendes: Mit minimalen Mitteln (hard- und softwarewaretechnisch gesehen) das Maximale herausholen. Darüber hinaus stellt sich hier auch immer die sinnbildlich Frage "Brauche ich um bspw. eine CD zu brennen eine ganze Software-Suite, die mir auch noch das aktuelle Wetter in San Francisco mit auf die CD brennt?". Ich denke man kann viele Dinge des Alltags auch mit kleinen, ressourcensparenden Anwendungen erledigen. Daraus abgeleitet stelle ich an ein Programm auch nur eine zentrale Anforderung: "Do one thing, but do it well".
5. Ökologisches Bewusstsein
Generell trenne ich mich sehr ungern von einem Stück Technik, dass noch anstandslos funktioniert. Warum wegwerfen, was noch gut funktioniert und nicht weiternutzen? Bedenkt man zudem wie viele Ressourcen und Energie benötigt werden um nur einen Laptop herzustellen, erscheint es mir schon allein aus diesem Grund angeraten die einmal gekaufte Hardware auch so lange zu nutzen, wie sie funktioniert.
6. Nostalgie, Computergeschichte:
Zugegeben, ein etwas sentimentaler Geschichtspunkt. Aber ich komme immer wieder ins Schwärmen, wenn ich an meinen ersten Computer mit Pentium-II Prozessor und gigantischen 32 MB Arbeitsspeicher zurück denke. Aber: wirkten damals die 2 Gigabyte an Festplattenspeicherplatz noch schier unendlich, so würde heute nicht einmal mehr ein DVD-Spielfilm dort Platz finden. Blickt man auf die letzten fünfzehn Jahre zurück, so hat sich einiges getan und heutige Computer sind - verglichen mit denen aus den Anfängen der 2000er Jahre - so dermaßen leistungsstark, dass man gar nicht mehr weiß wohin mit der geballten Rechenpower :-) Fakt ist jedoch: das Herumfummeln an alten Computern lässt mich immer wieder eintauchen in diese längst vergangene Zeit :-)
Unspannend ist dabei auch nicht die Geschichte der Computer im generellen und die der Betriebssysteme im Speziellen. Viele der Verhaltensweisen und Eigenarten moderner Betriebssysteme tragen bspw. immer noch die Spuren ihrer Vorfahren in sich und es macht Spaß diese zu entdecken.
7. Nerdfaktor
Matrix gegen den Framebuffer gucken, macht doch einiges her :-)
Fazit:
Ich bin mir sicher, wenn ich noch eine Weile weiter brainstormen würde, würde ich bestimmt noch ein paar mehr Punkte auf meine Liste bekommen. Aber so ist das ja mit allen Hobbies :-)